5. Kieler Tage in Poznań (Polen) - Interkultureller Workshop "Nachbarkultur(en) im Wandel verstehen"

07. Bis 09. November 2018 -  Ein Bericht von Martin Lange

Seit vielen Jahren unterhält die CAU eine intensive Partnerschaft zur Adam-Mickiewicz-Universität (AMU) in Poznań (eine ehemals deutsch-polnische Stadt, die früher auf Deutsch "Posen" hieß, genau zwischen Berlin und Warschau liegt, rund 600.000 Einwohner hat und wirtschaftlich sehr leistungsstark ist).  Alle zwei Jahre besucht eine Delegation der einen Universität die andere. In diesem Jahr fanden nun zum fünften Mal die so genannten "Kieler Tage in Poznań" statt. Der folgende Bericht informiert über Inhalte und Bedeutung dieser partnerschaftlichen Begegnung sowie über einen interkulturellen Workshop mit Germanistik-Studierenden.

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Rund 75 Personen (aus Präsidium und dem International Center sowie Lehrende, Promovierende und Studierende verschiedenster Fachgebiete) reisten am 07. November mit einem Bus, bzw. vereinzelt auch per Bahn nach Polen, wo zum Auftakt CAU-Präsident Kipp einen erneuerten Partnerschaftsvertrag gemeinsam mit seinem Kollegen, Rektor Lesicki unterzeichnete.

Das International Center der AMU hatte einen wunderschönen Empfang vorbereitet, und so trafen sich langjährige Partner wieder (z.B. aus den Bereichen Germanistik, Deutsch als Fremdsprache, deutsche Literaturwissenschaften, Umweltwissenschaften, Geowissenschaften, Materialwissenschaften, Interkulturelle Studien, Ur- und Frühgeschichte, Geographie, Botanik, Geschichte, Theologie und Rechtswissenschaften) und Studierende kamen mit den Studierenden ihres Faches aus dem jeweils anderen Land zusammen, um über die Workshops des kommenden Tages zu sprechen.

Für den Bereich Deutsch als Fremdsprache des ZfS reiste Martin Lange mit, zu dessen Aufgaben die Pflege und Weiterentwicklung der Partnerschaften mit Auslandsgermanistik bzw. DaF gehört. Gemeinsam mit den polnischen Kolleg/inn/en Dr. Monika Gaińska, welche die Einladung ausgesprochen hatte, Dr. Sebastian Chudak und Dr. Renata Rybyrczyk, die ihre Studierenden aus höheren Studienjahren mitbrachten, hielt Lange einen interkulturellen Workshop mit dem Titel "Nachbarkultur(en) im Wandel verstehen" ab.  Grundlage war die Erschließung eines Ratgebertextes für deutschsprachige Geschäftsleute, die nach Polen reisen, aus dem Jahr 2007. Nachdem die Grundaussagen dieses, z.T. mit Vorurteilen behafteten Textes geklärt waren, diskutierten die Teilnehmenden auf Deutsch, welche Ratschläge vielleicht nicht mehr aktuell, welche sehr wichtig und welche vielleicht auch unpassend seien. Dass die Gruppe dabei nicht immer einer Meinung war, zeigt, dass sich gesellschaftliche Regeln und der Umgang miteinander innerhalb einer Kultur dem Wandel unterliegen. Die ausgesprochenen und unausgesprochenen Regeln einer Gesellschaft sollten daher auch in der Vermittlung einer Fremdsprache eine Rolle spielen.

Martin Lange

Martin Lange und der interkulturelle Workshop       © Foto:   Sebastian Chudak

Im zweiten Teil des Workshops erarbeiteten die Teilnehmenden dann selbst Regeln und Tipps, die für deutsche Studierende von Nutzen sein können, wenn sie z.B. als ERASMUS-Studierende an die polnische Adam-Mickiewicz-Universität kommen. Die Regeln wurden verschriftlicht und dann am Ende des produkt-orientierten Unterrichts in Form von kurzen Ansprachen an deutsche Studierende als Handy-Videos aufgezeichnet. Alle hatten viel Spaß bei der Sache und die technische Seite des "Einsammelns" der Videos ging dank der hohen Medienkompetenz der Teilnehmenden relativ zügig, so dass wir am Ende alle Videos noch einmal anschauen und die kreativen Ideen bei der Umsetzung bewundern konnten.

Ein kurzes Abschlussgespräch zeigte, dass – im Gegensatz zur Situation noch vor wenigen Jahren – alle Teilnehmenden ausnahmslos schon mindestens  e i n e n  längeren Aufenthalt in Deutschland hinter sich haben. Dies ist ein ermutigendes Zeichen, denn nicht zuletzt durch den Internationalen Sommerkurs der Kieler CAU und das ERASMUS-Programm werden solche Erfahrungen möglich. Viele polnische Kolleginnen und Kollegen sowie die Studierenden sind daher überhaupt nicht glücklich über europafeindliche Tendenzen in ihrer Heimat, wie sie auch am Festtag zum 100-jährigen Bestehen der Republik Polen am 11. November auf offener Straße in Warschau zu Tage traten. Die in den 80er und 90er-Jahren mutig von der polnischen Bevölkerung erstrittenen Rechte, ohne die sicher auch die deutsche Vereinigung von Ost und West  nicht möglich gewesen wäre, sollten  Ansporn für eine gute Mitarbeit und Nachbarschaft innerhalb der EU sein. 

Der gemeinsame Doppelmaster-Abschluss von CAU und AMU "Interkulturelle Studien – Polen und Deutsche in Europa" gibt Studierenden der Germanistik, der Geschichte, der Rechtswissenschaften, der Slavistik und der Sprachwissenschaft sehr gute Möglichkeiten zur wissenschaftlichen Weiterentwicklung der nachbarschaftlichen Beziehungen - durch die Ausbildung von interkulturell geschulten jungen Expertinnen und Experten. Martin Lange lud die Teilnehmenden ein, sich für dieses Programm zu bewerben und ihre bisherigen Studienerfahrungen zielführend in das Programm einzubringen. Der Initiator für das DAAD-geförderte Doppelmasterprogramm beider Hochschulen, Prof. Dr. Michael Düring, erhielt während des Besuchs für sein Engagement die Verdienstmedaille der AMU überreicht.   

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 Prof. Michael Düring und UAM-Rektor Professor Andrzej Lesicki (re.)

      © Foto:   Andreas Ritter

Welch tiefe historische Gräben dieses in zwei Sprachen durchgeführte Programm, aber auch der partnerschaftliche Austausch zwischen Kiel und Poznań insgesamt, überwinden hilft, zeigte der Besuch Martin Langes im "Konzentrationslager Posen" in der städtischen Festungsanlage "Fort VII".  

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© Fotos:   Martin Lange

Kollege Chudak begleitete ihn und hatte den Besuch sehr gut vorbereitet. Die gut dokumentierte und bebilderte Ausstellung zeigte, mit welcher Akribie dieses erste KZ auf polnischem Boden geplant worden war, wie die Vorherrschaft der Deutschen in der Stadt per Dekret erzwungen und die polnische Bevölkerung zunehmend entrechtet, dann geknechtet und auf brutalste Weise schikaniert, z.T. eliminiert wurde. Auch der Einsatz von Giftgas zur Tötung Behinderter im Rahmen des NS-Euthanasie-Programms fand weltweit erstmals hier im KZ Posen statt und galt den Nazis als eine erste Erprobung für den bald folgenden industriellen Massenmord an Millionen anderer Menschen in zahlreichen weiteren Konzentrations- und Vernichtungslagern.

Wenn man sich bewusst macht, wie abgrundtief unmenschlich das Handeln der Deutschen war, welches Leid den polnischen Nachbarn wiederfahren ist und wie segensreich sich die Friedensinitiative Willy Brandts zu einer Annäherung und weitgehenden Versöhnung beider Nachbarvölker geführt hat, dann ist die internationale Zusammenarbeit Hoffnung und Verpflichtung zugleich, um in einem geeinten Europa dafür zu sorgen, dass menschliches Handeln auch die Zukunft im globalen Kontext bestimmt.

In diesem Sinne dienen grenzübergreifende Veranstaltungen, Vorträge, kollegiale Forschung und gemeinsame studentische Nachwuchsarbeit an Sachthemen - so wie sie bei den 5. Kieler Tagen in Poznań gelebt wurden -  dem Ziel der Friedens- und Zukunftssicherung.

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Der Countdown läuft bis zum Jubiläum ….             © Foto:   Martin Lange

Das kommende Jahr 2019 markiert das 100-jährige Bestehen der Adam-Mickiewicz-Universität.

Der Bereich Deutsch als Fremdsprache unterhält dabei seit über dreißig Jahren einen Lektorenaustausch für DaF, und Martin Lange traf während des Besuchs nicht weniger als fünf ehemalige Posener Gastlektor/inn/en, die - zum Teil mehr als einmal - für je ein akademisches Jahr wertvolle Deutschausbildung für internationale Studienbewerberinnen an der CAU geleistet hatten oder regelmäßig Lehraufgaben in unserem Internationalen Sommerkurs wahrnahmen und wahrnehmen.

Wir von der CAU können uns glücklich schätzen, solche Partner zu haben, und diese verdienen unsere Unterstützung in jeder Hinsicht, besonders aber dort, wo nationalistisch motivierte Beschränkungen die allgemeine Rechtstaatlichkeit oder die Entwicklung der Zivilgesellschaft in Frage stellen und behindern.

Martin Lange  –  im November 2018

 

 

Einen Bericht in polnischer Sprache zum genannten Workshop finden Sie auf der  Internetseite des "Instytut Filologii Germańskiej"

http://germanistyka.amu.edu.pl/pl/index.php/komunikaty-mainmenu-117/3698-warsztaty-nachbarkultur-en-im-wandel-verstehen

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